Alle paar Jahre wiederholt sich hierzulande das selbe, ermüdende Ritual: Sobald die OECD die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie Deutschland veröffentlicht, verfällt die Republik für drei Tage in eine kollektive Schockstarre. Politiker fordern daraufhin vor laufenden Kameras hastig einen „Bildungsruck“ – doch danach ändert sich: nichts. Die jüngsten PISA-Ergebnisse sind jedoch kein bloßer Weckruf mehr, vielmehr stellen sie die offizielle Bankrotterklärung der Bildungspolitik dar. Schließlich erleben wir einen beispiellosen Leistungseinbruch in Mathematik, im Lesen und in den Naturwissenschaften.

>>> Schieflage und ausgetretene Pfade: Ein steinernes Sinnbild
Dass wir als Beitragsbild für diesen Artikel nicht das obligatorische Stockfoto einer lächelnden Lehrkraft gewählt haben, ist kein Zufall. Zwar ist „PISA“ in diesem Kontext lediglich das Akronym für das Programme for International Student Assessment, doch die Namensgleichheit mit der italienischen Stadt birgt eine bittere Ironie. Der Schiefe Turm von Pisa symbolisiert den Zustand unseres Schulsystems derzeit treffender als jede Statistik: Er leidet unter einem fundamentalen Statikproblem. Das System hat eine bedrohliche Schieflage erreicht und droht unter seiner eigenen Last zusammenzubrechen, wenn wir nicht endlich an den Fundamenten arbeiten.

Und die ausgetretenen, abgenutzten steinernen Stufen, die zu diesem Turm hinaufführen? Sie sind das perfekte Sinnbild für die deutsche Bildungspolitik der vergangenen Jahrzehnte. Statt mutiger Innovationen, visionärer Konzepte und neuer architektonischer Entwürfe für die Zukunft der Schulen verlassen sich die Verantwortlichen lieber auf die immer gleichen, völlig ausgetretenen Pfade. Man geht beharrlich denselben mühsamen Weg, der schon vor zwanzig Jahren kaum noch tragfähig war.
>>> Die bequeme Ausrede vom demografischen Versagen
Statt also ehrliche Ursachenforschung am Fundament zu betreiben, flüchten sich Teile der Gesellschaft lieber in bequeme Ausreden. Deshalb zieht sich aktuell ein Mythos hartnäckig durch soziale Netzwerke und Foren: Eigentlich seien die Schüler immer noch Weltspitze, nur die Schüler mit Migrationshintergrund würden den Schnitt nach unten ziehen.
Dieser Erklärungsversuch ist nicht nur fatalistisch, sondern er ist faktisch schlichtweg falsch. Tatsächlich entlarvt ein Blick in die rohen PISA-Daten der OECD diese Ausrede sofort: Zwar ist die Leistungsschere zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund beschämend groß. Dennoch brachen die Leistungen in allen Gruppen massiv ein. Dementsprechend haben auch die Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund dramatisch an Kompetenzen verloren. Sie rangieren im internationalen Vergleich folglich längst nicht mehr in der Spitzengruppe, sondern rutschen ins Mittelmaß ab.
Das deutsche Schulsystem hat also kein reines „Integrationsproblem“, sondern es hat ein massives Strukturproblem. Die Macher der PISA-Studie Deutschland legen diesbezüglich seit Jahren den Finger in dieselbe offene Wunde: In kaum einem anderen Industrieland entscheidet die soziale Herkunft so unbarmherzig über den Bildungserfolg wie bei uns. Das System benachteiligt das klassische „Arbeiterkind“ – eine Thematik, die wir auch regelmäßig im Blog von Lehrer|Schüler – Die Bildungsdienstleister analysieren – strukturell massiv. Wer zu Hause von den Eltern keine Nachhilfe bezahlt bekommt, keine Eltern hat, die den Lehrplan kompensieren, oder sich kein eigenes Zimmer zum Lernen leisten kann, verliert automatisch. Unser System fördert folglich nicht, es selektiert.
>>> Die Kapitulation der Bildungspolitik
Wie reagiert die Politik nun auf dieses Zeugnis des Scheiterns? Sie antwortet mit einem föderalen Flickenteppich, lähmenden Zuständigkeitsdebatten zwischen Bund und Ländern und einer chronischen Unterfinanzierung genau dort, wo die Schulen das Geld am dringendsten brauchen. Die Kultusministerien kaschieren den Lehrermangel mit Notlösungen und Quereinsteigern. Darüber hinaus kippen die Verantwortlichen die Themen Inklusion und Integration oft ohne die zwingend nötigen personellen Ressourcen einfach den überlasteten Regelschullehrkräften vor die Füße.
Die Politik hält das System somit allein auf dem Rücken des pädagogischen Personals am Laufen. Die Lehrkräfte sollen individuelle Förderung leisten, bürokratische Berge abarbeiten, Erziehungsarbeit übernehmen und gleichzeitig die Versäumnisse der frühkindlichen Bildung reparieren. Natürlich kann das auf Dauer nicht funktionieren.
>>> Was nach der PISA-Studie zwingend passieren muss
Wer den Bildungsabstieg aufhalten will, muss deshalb aufhören, an Symptomen herumzudoktern, und mutig an die Strukturen gehen. Die Politik muss endlich Antworten auf fundamentale Fragen liefern:
- Verpflichtende, vorschulische Sprachförderung: Die frühkindliche Entwicklung stellt die Weichen bereits vor der Einschulung. Daher ist ein verpflichtendes, kostenfreies und vor allem qualitativ hochwertiges Vorschuljahr mit Fokus auf Sprachdiagnostik und Sprachförderung unumgänglich. Wer nämlich die Unterrichtssprache in der ersten Klasse nicht versteht, holt diesen Rückstand später oft nie wieder auf.
- Weg mit dem Gießkannenprinzip (Indexbasierte Finanzierung): Schulen in sozialen Brennpunkten brauchen nicht dieselbe Ressourcenausstattung wie das Gymnasium im Villenviertel – vielmehr brauchen sie das Doppelte oder Dreifache. Wir benötigen multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften, Sozialarbeitern und Sonderpädagogen direkt an den Standorten, an denen die Probleme am größten sind.
- Echte Ganztagsschulen: Der Halbtagsbetrieb zementiert die soziale Ungleichheit, weil er Hausaufgaben und Förderung in das Elternhaus auslagert. Echte, rhythmisierte Ganztagsschulen, in denen die Kollegien Lern- und Freizeitphasen sinnvoll verzahnen, sind daher der einzige Weg, um Arbeiter- und Migrantenkinder aus der Abhängigkeit vom familiären Bildungskapital zu befreien.
>>> Fazit
Die aktuelle PISA-Studie Deutschland ist demnach kein Ausrutscher, sondern sie liefert uns die bittere Quittung für jahrzehntelange politische Mutlosigkeit. Solange wir den Bildungserfolg weiterhin vererben, verspielen wir nicht nur die Zukunft hunderttausender Kinder, sondern wir gefährden ebenso die Innovationskraft unserer Gesellschaft. Es ist also höchste Zeit, dass die Bildungspolitik ihre Verantwortung endlich annimmt – denn Ausreden gibt es jetzt keine mehr.
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