Sollte man so früh wie möglich Lehrerin oder Lehrer sein?

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In einem Lehrerforum schreibt eine Userin:

Wir haben hin und wieder mal Referendarinnen und Referendare, die sind gerade so 24, wenn die zu uns kommen. Und die sind wie Oberstufenschüler. Nach dem Abitur direkt an der nächstgelegenen Uni die beiden LK-Fächer auf Lehramt studiert, wenn dabei eine Fremdsprache ist, nur die absolute Minimalzeit im Ausland verbracht und nie mal irgendetwas ausprobiert. Das Studium über entweder bei den Eltern oder in von den Eltern finanzierter kleiner Wohnung (meist alleine) gelebt, an der Uni nur so viel Fachwissenschaft gemacht wie unbedingt nötig. Dazu meinen sie, weil sie fleißige Bienchen sind und in den „Auswendiglern-Klausuren“ in EWS und Fachdidaktik gute bis sehr gute Noten hatten, sie können besseren Unterricht machen als die Ausbildungslehrer. Wenn sie Englisch studiert haben, kennen sie genau ein Shakespearestück, nämlich das, das sie selbst als Schülerin oder Schüler im LK gemacht haben. Das möchten sie dann auch den Rest ihres Lebens unterrichten. Sich in etwas Neues reinzuarbeiten ist völlig unmöglich. (sprachlich leicht verändert, d. Red.)

Wir von Lehrer|Schüler finden, dass diese Darstellung – wenn auch etwas reißerisch – einen interessanten Aspekt des Lehrerdaseins behandelt, dem es sich lohnt nachzugehen: Welche Rolle spielt es eigentlich, wie alt junge Lehrerinnen und Lehrer beim Eintritt in den Lehrerjob sind? Gibt es ein „Mindestalter“, das man auf jeden Fall erreicht haben sollte, um eine gute Lehrkraft zu sein? Gilt im Lehrerberuf die Devise „Je älter, desto erfahrener, desto besser“? Oder ist das Alter für Pädagoginnen und Pädagogen nichts weiter als eine bedeutungslose Zahl und auf andere Dinge kommt es beim Unterrichten vor einer Klasse viel mehr an?

>>> Warum sollten angehende Lehrerinnen und Lehrer besonders schnell studieren?

Die Einschätzung der Kollegin zu der Frage, wie schnell oder wie zielstrebig man als künftige Lehrkraft studieren sollte, fällt also ziemlich nüchtern aus. Diese grundsätzliche Frage nach der angemessenen Studiendauer stellt sich natürlich nicht nur, vielleicht aber besonders, angehenden Lehrerinnen und Lehrern. In Zeiten von G8 und ausgesetztem Wehr- oder Zivildienst ist es schließlich ohne Weiteres möglich, mit 18 Jahren ein Studium zu beginnen und dementsprechend mit 22 oder 23 Jahren ins Referendariat für ein Lehramt zu starten. Dann kann man schon mit 24 Jahren fertig ausgebildete Lehrkraft sein. Doch ist das wirklich so erstrebenswert? Diese Frage will nach Ansicht von Lehrer|Schüler gründlich bedacht sein – gerade im Lehrerberuf.

Lehrer|Schüler - Beratung für Lehrerinnen und Lehrer | lehrerschueler.de
Lehrer|Schüler – Beratung für Lehrerinnen und Lehrer | lehrerschueler.de

Einerseits ist die Aussicht schon verlockend, mit nur 24 Jahren in einem akademischen Beruf voll ausgebildet zu sein und gutes Geld zu verdienen (nein, die ewige Gehaltsdiskussion wollen wir an dieser Stelle nicht aufwärmen!). Dann ist der Hausbau mit 30 und der Ruhestand mit 64 (nach 40 Dienstjahren) eine realistische Perspektive. Klingt total spießig? Vielleicht ist es das sogar. Allerdings zieht der Lehrerjob bekanntlich traditionell eher sicherheitsbewusste und planungsaffine Menschen an, wie wir in den Beratungen für Referendarinnen und Referendare eines Lehramts immer wieder feststellen – und daran ist ja erst einmal nichts Verwerfliches. Die beamtischen Strukturen im Lehramt mit ihren relativ starren, dafür aber planbaren Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten und ihrer absolut sicheren Jobperspektive bieten sich für solche Überlegungen natürlich auch an.

>>> Warum sollten sich künftige Lehrkräfte im Lehramtsstudium möglichst viel Zeit lassen?

Andererseits sprechen nach Ansicht von Lehrer|Schüler gewichtige Gründe gegen einen so frühen Berufseinstieg als Lehrerin oder Lehrer. Erstens: Ein Studium ist keine Ausbildung, zumindest nicht im engeren Sinn. Die bekannte Klage vieler Lehramtsstudierender über angeblich überflüssige, praxisferne Studieninhalte scheint berechtigt, verkennt aber völlig die Tatsache, dass ein Studium nicht nur umfassende Kenntnisse auf einem Gebiet vermitteln soll, sondern immer noch – auch in Zeiten des Bologna-Systems – auf eine umfassende Bildung im klassischen Sinn abzielt. Deshalb lernt die angehende Lehrkraft auch Dinge, die sie nicht einmal am Gymnasium im Unterricht einsetzen kann. Das gilt für alle Fächer. Insofern könnte Deutschland vielleicht von der Schweiz lernen, wo man nicht „auf Lehramt“ studiert, sondern zunächst einen Abschluss in einer Fachwissenschaft erwirbt und anschließend ein pädagogisches Aufbaustudium zur Lehrerin oder zum Lehrer absolviert.

Lehrer|Schüler - Beratung für Eltern von Schülern | lehrerschueler.de
Lehrer|Schüler – Beratung für Eltern von Schülern | lehrerschueler.de

Außerdem ist die Zeit des Lehramtsstudiums zweitens auch eine Zeit des Selbstständigwerdens, des Ausprobierens und der Persönlichkeitsreifung. Das ist natürlich schwierig, wenn die Entfernung zum Elternhaus, der Aufenthalt am Studienort wie auch die Studiendauer aufs Nötigste begrenzt werden. Wer in all diesen Bereichen die „Minimallösung“ fährt und die Zeit des Studiums nicht für dies so notwendige Abnabelung vom gewohnten Umfeld und vom Elternhaus nutzt, der verpasst etwas. Ein bekanntes Zitat des Forschers Alexander von Humboldt lautet: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“ Die simple Konsequenz daraus lautet: Wer Anderen etwas über die Welt beibringen will, muss die Welt kennen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass eine angehende Lehrkraft eine jahrelange Weltreise unternommen haben muss. Nein, es geht vielmehr um die gerade angesprochene Abnabelung und Eigenständigkeit, die man sich im Studium für ein Lehramt erwerben sollte.

Eine andere Möglichkeit, Unabhängigkeit zu gewinnen und zu erleben, ist es, im Studium als angehende Lehrerin oder zukünftiger Lehrer durch Nebenjobs und Praktika nicht nur erste Erfahrungen in der Arbeitswelt zu sammeln, sondern auch von anderen Wegen der Studienfinanzierung unabhängiger zu werden. Ganz davon abgesehen, dass es für viele Studentinnen und Studenten bittere Notwendigkeit ist: Das Studium zumindest zu einem Teil selbst zu finanzieren, verschafft nicht nur finanzielle Eigenständigkeit, sondern auch wertvolle Erfahrungen, die einem später immer wieder nützlich sein werden. Auch wenn es auf den ersten Blick eher spaßig klingt – wenn man in der Gastronomie oder im Einzelhandel gelernt hat, mit nörgelnden, aufdringlichen oder schlicht bescheuerten (Verzeihung!) Kundinnen und Kunden zurechtzukommen, wird einem das im Umgang mit „schwierigen“ Eltern ebenso nützlich sein.

Lehrer|Schüler - Beratung für Lehramtsstudenten | lehrerschueler.de
Lehrer|Schüler – Beratung für Lehramtsstudenten | lehrerschueler.de

Der wichtigste Aspekt ist aber das „Standing“ vor den Schülerinnen und Schülern bzw. den Lehrerkolleginnen und Lehrerkollegen. Wie im Eingangszitat geschildert, wirken derart junge Lehrkräfte oft selbst noch wie Oberstufenschüler. Dabei ist nicht allein das jugendliche Alter das Problem, sondern die Tatsache, dass so jungen Lehrerinnen und Lehrern eben erkennbar die Lebenserfahrung und Reife fehlt, die notwendig ist, um Kindern und Jugendlichen ein Vorbild zu sein und die Führungskompetenz auszustrahlen, die eine Lehrkraft im Unterricht braucht. Hinzu kommt, dass man die ganzen vermeintlich unnötigen Inhalte aus dem Lehramtsstudium eben doch für den Unterricht benötigt, weil sie die Basis bilden für die fachliche Kompetenz, die die Lehrkraft immer ausstrahlen muss.

Um den Stoff schülergerecht aufbereiten („didaktisch reduzieren“) zu können, muss man ihn auch in der Tiefe beherrschen. Und: Schüler haben ein untrügliches Gespür für fachliche Defizite – es reicht eben nicht, nur ein Shakespeare-Stück zu kennen! Sie wollen auch vielleicht nicht explizit von ihrer Deutschlehrerin wissen, wie sich die Dramentheorie Dürrenmatts im Lauf der Zeit entwickelt hat. Aber sie spüren, wenn die Lehrkraft fachlich unsicher ist. Das Gleiche gilt für den Punkt „Lebenserfahrung“. Wie viel davon sollte eine junge Lehrerin oder ein junger Lehrer ausstrahlen, die oder der so studiert hat wie im Eingangszitat beschrieben? Die Schülerinnen und Schüler merken sofort, dass sie es mit jemandem zu tun haben, der bzw. die außer Schule und Universität noch nicht viel gesehen hat im Leben. Diesen Eindruck sollte man als junge Lehrkraft unbedingt vermeiden!

>>> Fazit: Sollte man so schnell wie möglich Lehrerin oder Lehrer werden?

Es gibt gute Gründe, den Berufseinstieg gerade im Lehramt nicht allzu sehr zu forcieren. Die Zeit, die Sie in ein sorgfältiges, vertieftes Studium für ein Lehramt investieren (und in dessen Vorbereitung, die durchaus darin bestehen kann, nach dem Abitur erst einmal „etwas Anderes“ zu machen), zahlt sich spätestens dann aus, wenn Sie zum ersten Mal vor einer Klasse stehen. Übrigens: Im öffentlichen Dienst ist das Alter kein Einstellungskriterium, solange man unter den Grenzen für die Verbeamtung bleibt. Diese liegen (abhängig vom Bundesland) zwischen 40 und 50 Jahren. Eine 40-jährige Bewerberin mit besseren Noten wird dem 30-jährigen Bewerber vorgezogen. Auch deshalb gibt es also keinen Grund, das Lehramtsstudium so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Wenn Sie sich als angehende Studentin oder baldiger Student eines Lehramts noch unsicher sind, ob Sie wirklich Lehrerin oder Lehrer werden wollen, können Sie sich schon in diesem frühen Stadium des Lehrerberufs von unseren professionellen Beraterinnen und Beratern aus dem aktiven Schuldienst kompetent und individuell sowie stets 100% vertraulich coachen lassen. Gern beraten wir Sie bei Fragestellungen wie „Welche Fächer sollte ich für den Lehrerberuf wählen?“, „An welcher Schulart möchte ich arbeiten?“ oder „Wie organisiere ich mein Lehramtsstudium effektiv und effizient?“ Bei allen Unklarheiten rund um die Fächerwahl als Lehrerin oder Lehrer sowie das Studium eines Lehramts sind wir von Lehrer|Schüler und unsere Mentorinnen und Mentoren mit jahre- und jahrzehntelanger Berufserfahrung im aktiven Unterrichten Ihre passenden Ansprechpartner.

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