Sollte man so fr├╝h wie m├Âglich Lehrerin oder Lehrer sein?

Gesch├Ątzte Lesedauer: 6 Minuten

In einem Lehrerforum schreibt eine Userin:

Wir haben hin und wieder mal Referendarinnen und Referendare, die sind gerade so 24, wenn die zu uns kommen. Und die sind wie Oberstufensch├╝ler. Nach dem Abitur direkt an der n├Ąchstgelegenen Uni die beiden LK-F├Ącher auf Lehramt studiert, wenn dabei eine Fremdsprache ist, nur die absolute Minimalzeit im Ausland verbracht und nie mal irgendetwas ausprobiert. Das Studium ├╝ber entweder bei den Eltern oder in von den Eltern finanzierter kleiner Wohnung (meist alleine) gelebt, an der Uni nur so viel Fachwissenschaft gemacht wie unbedingt n├Âtig. Dazu meinen sie, weil sie flei├čige Bienchen sind und in den „Auswendiglern-Klausuren“ in EWS und Fachdidaktik gute bis sehr gute Noten hatten, sie k├Ânnen besseren Unterricht machen als die Ausbildungslehrer. Wenn sie Englisch studiert haben, kennen sie genau ein Shakespearest├╝ck, n├Ąmlich das, das sie selbst als Sch├╝lerin oder Sch├╝ler im LK gemacht haben. Das m├Âchten sie dann auch den Rest ihres Lebens unterrichten. Sich in etwas Neues reinzuarbeiten ist v├Âllig unm├Âglich. (sprachlich leicht ver├Ąndert, d. Red.)

Wir von Lehrer|Sch├╝ler finden, dass diese Darstellung – wenn auch etwas rei├čerisch – einen interessanten Aspekt des Lehrerdaseins behandelt, dem es sich lohnt nachzugehen: Welche Rolle spielt es eigentlich, wie alt junge Lehrerinnen und Lehrer beim Eintritt in den Lehrerjob sind? Gibt es ein „Mindestalter“, das man auf jeden Fall erreicht haben sollte, um eine gute Lehrkraft zu sein? Gilt im Lehrerberuf die Devise „Je ├Ąlter, desto erfahrener, desto besser“? Oder ist das Alter f├╝r P├Ądagoginnen und P├Ądagogen nichts weiter als eine bedeutungslose Zahl und auf andere Dinge kommt es beim Unterrichten vor einer Klasse viel mehr an?

>>> Warum sollten angehende Lehrerinnen und Lehrer besonders schnell studieren?

Die Einsch├Ątzung der Kollegin zu der Frage, wie schnell oder wie zielstrebig man als k├╝nftige Lehrkraft┬á studieren sollte, f├Ąllt also ziemlich n├╝chtern aus.┬áDiese grunds├Ątzliche Frage nach der angemessenen Studiendauer stellt sich nat├╝rlich nicht nur, vielleicht aber besonders, angehenden Lehrerinnen und Lehrern. In Zeiten von G8 und ausgesetztem Wehr- oder Zivildienst ist es schlie├člich ohne Weiteres m├Âglich, mit 18 Jahren ein Studium zu beginnen und dementsprechend mit 22 oder 23 Jahren ins Referendariat f├╝r ein Lehramt zu starten. Dann kann man schon mit 24 Jahren fertig ausgebildete Lehrkraft sein. Doch ist das wirklich so erstrebenswert? Diese Frage will nach Ansicht von Lehrer|Sch├╝ler gr├╝ndlich bedacht sein ÔÇô gerade im Lehrerberuf.

Lehrer|Sch├╝ler - Beratung f├╝r Lehrerinnen und Lehrer | lehrerschueler.de

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Einerseits ist die Aussicht schon verlockend, mit nur 24 Jahren in einem akademischen Beruf voll ausgebildet zu sein und gutes Geld zu verdienen (nein, die ewige Gehaltsdiskussion wollen wir an dieser Stelle nicht aufw├Ąrmen!). Dann ist der Hausbau mit 30 und der Ruhestand mit 64 (nach 40 Dienstjahren) eine realistische Perspektive. Klingt total spie├čig? Vielleicht ist es das sogar. Allerdings zieht der Lehrerjob bekanntlich traditionell eher sicherheitsbewusste und planungsaffine Menschen an, wie wir in den Beratungen f├╝r Referendarinnen und Referendare eines Lehramts immer wieder feststellen ÔÇô und daran ist ja erst einmal nichts Verwerfliches. Die beamtischen Strukturen im Lehramt mit ihren relativ starren, daf├╝r aber planbaren Aufstiegs- und Verdienstm├Âglichkeiten und ihrer absolut sicheren Jobperspektive bieten sich f├╝r solche ├ťberlegungen nat├╝rlich auch an.

>>> Warum sollten sich k├╝nftige Lehrkr├Ąfte im Lehramtsstudium m├Âglichst viel Zeit lassen?

Andererseits sprechen nach Ansicht von Lehrer|Sch├╝ler gewichtige Gr├╝nde gegen einen so fr├╝hen Berufseinstieg als Lehrerin oder Lehrer.┬áErstens: Ein Studium ist keine Ausbildung, zumindest nicht im engeren Sinn. Die bekannte Klage vieler Lehramtsstudierender ├╝ber angeblich ├╝berfl├╝ssige, praxisferne Studieninhalte scheint berechtigt, verkennt aber v├Âllig die Tatsache, dass ein Studium nicht nur umfassende Kenntnisse auf einem Gebiet vermitteln soll, sondern immer noch ÔÇô auch in Zeiten des Bologna-Systems ÔÇô auf eine umfassende Bildung im klassischen Sinn abzielt. Deshalb lernt die angehende Lehrkraft auch Dinge, die sie nicht einmal am Gymnasium im Unterricht einsetzen kann. Das gilt f├╝r alle F├Ącher. Insofern k├Ânnte Deutschland vielleicht von der Schweiz lernen, wo man nicht ÔÇ×auf LehramtÔÇť studiert, sondern zun├Ąchst einen Abschluss in einer Fachwissenschaft erwirbt und anschlie├čend ein p├Ądagogisches Aufbaustudium zur Lehrerin oder zum Lehrer absolviert.

Lehrer|Sch├╝ler - Beratung f├╝r Eltern von Sch├╝lern | lehrerschueler.de

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Au├čerdem ist die Zeit des Lehramtsstudiums zweitens auch eine Zeit des Selbstst├Ąndigwerdens, des Ausprobierens und der Pers├Ânlichkeitsreifung. Das ist nat├╝rlich schwierig, wenn die Entfernung zum Elternhaus, der Aufenthalt am Studienort wie auch die Studiendauer aufs N├Âtigste begrenzt werden. Wer in all diesen Bereichen die „Minimall├Âsung“ f├Ąhrt und die Zeit des Studiums nicht f├╝r dies so notwendige Abnabelung vom gewohnten Umfeld und vom Elternhaus nutzt, der verpasst etwas. Ein bekanntes Zitat des Forschers Alexander von Humboldt lautet: „Die gef├Ąhrlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“ Die simple Konsequenz daraus lautet: Wer Anderen etwas ├╝ber die Welt beibringen will, muss die Welt kennen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass eine angehende Lehrkraft eine jahrelange Weltreise unternommen haben muss. Nein, es geht vielmehr um die gerade angesprochene Abnabelung und Eigenst├Ąndigkeit, die man sich im Studium f├╝r ein Lehramt erwerben sollte.

Eine andere M├Âglichkeit, Unabh├Ąngigkeit zu gewinnen und zu erleben, ist es, im Studium als angehende Lehrerin oder zuk├╝nftiger Lehrer durch Nebenjobs und Praktika nicht nur erste Erfahrungen in der Arbeitswelt zu sammeln, sondern auch von anderen Wegen der Studienfinanzierung unabh├Ąngiger zu werden. Ganz davon abgesehen, dass es f├╝r viele Studentinnen und Studenten bittere Notwendigkeit ist: Das Studium zumindest zu einem Teil selbst zu finanzieren, verschafft nicht nur finanzielle Eigenst├Ąndigkeit, sondern auch wertvolle Erfahrungen, die einem sp├Ąter immer wieder n├╝tzlich sein werden. Auch wenn es auf den ersten Blick eher spa├čig klingt – wenn man in der Gastronomie oder im Einzelhandel gelernt hat, mit n├Ârgelnden, aufdringlichen oder schlicht bescheuerten (Verzeihung!) Kundinnen und Kunden zurechtzukommen, wird einem das im Umgang mit „schwierigen“ Eltern ebenso n├╝tzlich sein.

Lehrer|Sch├╝ler - Beratung f├╝r Lehramtsstudenten | lehrerschueler.de

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Der wichtigste Aspekt ist aber das ÔÇ×StandingÔÇť vor den Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern bzw. den Lehrerkolleginnen und Lehrerkollegen. Wie im Eingangszitat geschildert, wirken derart junge Lehrkr├Ąfte oft selbst noch wie Oberstufensch├╝ler. Dabei ist nicht allein das jugendliche Alter das Problem, sondern die Tatsache, dass so jungen Lehrerinnen und Lehrern eben erkennbar die Lebenserfahrung und Reife fehlt, die notwendig ist, um Kindern und Jugendlichen ein Vorbild zu sein und die F├╝hrungskompetenz auszustrahlen, die eine Lehrkraft im Unterricht braucht. Hinzu kommt, dass man die ganzen vermeintlich unn├Âtigen Inhalte aus dem Lehramtsstudium eben doch f├╝r den Unterricht ben├Âtigt, weil sie die Basis bilden f├╝r die fachliche Kompetenz, die die Lehrkraft immer ausstrahlen muss.

Um den Stoff sch├╝lergerecht aufbereiten (ÔÇ×didaktisch reduzierenÔÇť) zu k├Ânnen, muss man ihn auch in der Tiefe beherrschen. Und: Sch├╝ler haben ein untr├╝gliches Gesp├╝r f├╝r fachliche Defizite ÔÇô es reicht eben nicht, nur ein Shakespeare-St├╝ck zu kennen! Sie wollen auch vielleicht nicht explizit von ihrer Deutschlehrerin wissen, wie sich die Dramentheorie D├╝rrenmatts im Lauf der Zeit entwickelt hat. Aber sie sp├╝ren, wenn die Lehrkraft fachlich unsicher ist. Das Gleiche gilt f├╝r den Punkt „Lebenserfahrung“. Wie viel davon sollte eine junge Lehrerin oder ein junger Lehrer ausstrahlen, die oder der so studiert hat wie im Eingangszitat beschrieben? Die Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler merken sofort, dass sie es mit jemandem zu tun haben, der bzw. die au├čer Schule und Universit├Ąt noch nicht viel gesehen hat im Leben. Diesen Eindruck sollte man als junge Lehrkraft unbedingt vermeiden!

>>> Fazit: Sollte man so schnell wie m├Âglich Lehrerin oder Lehrer werden?

Es gibt gute Gr├╝nde, den Berufseinstieg gerade im Lehramt nicht allzu sehr zu forcieren. Die Zeit, die Sie in ein sorgf├Ąltiges, vertieftes Studium f├╝r ein Lehramt┬áinvestieren (und in dessen Vorbereitung, die durchaus darin bestehen kann, nach dem Abitur erst einmal ÔÇ×etwas AnderesÔÇť zu machen), zahlt sich sp├Ątestens dann aus, wenn Sie zum ersten Mal vor einer Klasse stehen. ├ťbrigens: Im ├Âffentlichen Dienst ist das Alter kein Einstellungskriterium, solange man unter den Grenzen f├╝r die Verbeamtung bleibt. Diese liegen (abh├Ąngig vom Bundesland) zwischen 40 und 50 Jahren. Eine 40-j├Ąhrige Bewerberin mit besseren Noten wird dem 30-j├Ąhrigen Bewerber vorgezogen. Auch deshalb gibt es also keinen Grund, das Lehramtsstudium so schnell wie m├Âglich hinter sich zu bringen.

Wenn Sie sich als angehende Studentin oder baldiger Student eines Lehramts noch unsicher sind, ob Sie wirklich Lehrerin oder Lehrer werden wollen, k├Ânnen Sie sich schon in diesem fr├╝hen Stadium des Lehrerberufs von unseren professionellen Beraterinnen und Beratern aus dem aktiven Schuldienst kompetent und individuell sowie stets 100% vertraulich coachen lassen. Gern beraten wir Sie bei Fragestellungen wie „Welche F├Ącher sollte ich f├╝r den Lehrerberuf w├Ąhlen?“, „An welcher Schulart m├Âchte ich arbeiten?“ oder „Wie organisiere ich mein Lehramtsstudium effektiv und effizient?“ Bei allen Unklarheiten rund um die F├Ącherwahl als Lehrerin oder Lehrer sowie das Studium eines Lehramts sind wir von Lehrer|Sch├╝ler und unsere Mentorinnen und Mentoren mit jahre- und jahrzehntelanger Berufserfahrung im aktiven Unterrichten Ihre passenden Ansprechpartner.

>>> Passende Beratungsangebote von Lehrer|Sch├╝ler


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